Heike

Heike

Osterather Pestspiele 1.1 am 24. und 25.09.2021 in Pauls Savanne, Meerbusch/Osterath

Eventname:

Osterather Pestspiele 1.1

Künstler:

E Aldi, Lazy Riots, Vier Meter Hustensaft, Kommando Marlies, Case 39, The Anchor Brakes, Fixpunkt, Laise Ist Schaiße, Gaffa, Stellwerk, Northern Light, The Dirty Lovemachines, MetzgerButcher, Schängeläng

Ort:

Pauls Savanne, Meerbusch/Osterath

Datum:

24./25.09.2021

Genre:

Punk, Punkrock, Metalcore, Rock'n'Roll

Veranstalter:

Rockzentrale

Schon ziemlich lange steht es im Kalender, heute ist Tag 1 der Osterather Pestspiele gekommen. Wenn dann auch noch der Organisator seinen 50. Geburtstag feiern kann, sofern er nicht gerade am Mischpult steht, steht der Party ja eigentlich nichts im Weg. Von Party ist, als ich an Pauls Savanne ankomme, noch nicht viel zu sehen, es wird noch fleißig aufgebaut, der Soundcheck für die erste Band der Pestspiele, Schängeläng, steht an. Die Jungs von Northern Light sind schon da, Henning auch. Also erst mal raus in den gemütlichen Innenhof und bei einem Kaltgetränk nett plaudern.

Mit den Jungs von Schängeläng aus Frechen erwischen die Pestspiele schon mal einen großartigen Start, denn die vier treten sofort das Gaspedal durch und sind in Nullkommanix von 0 auf 100. Da fließen dann auch ziemlich schnell die ersten Schweißtropfen. Und das Zitat auf ihrer Homepage kann man wirklich für bare Münze nehmen, da kann man nämlich lesen “Warum hat die Ballade denn nun schon wieder 180 BPM?” Großartig! 😀 Das Publikum ist noch ein wenig zögerlich und will die Einladung zur Party nicht wirklich annehmen. Aber mit Songs wie Arroganz, Leben oder Sicherheit zündet der Funke dann doch irgendwann. Ich kann tatsächlich nicht umhin, nach der Show direkt zu Carlos zu gehen, der schweißgebadet ist und so aussieht, als ob er frisch geduscht ist, und ihm ein dickes Kompliment zu verpassen. So kann’s gern weitergehen.

Dass mit dem Entertainer E Aldi nun ausgerechnet jemand, der kein Fleisch isst, eine Band mit dem Namen MetzgerButcher ansagen darf, nimmt er doch relativ gelassen. Er habe schon ein paar Songs von den Männern gehört, die ihm auch gut gefallen hätten, erzählt er weiter. Dann wird der Laptop gestartet, der heute den Drummer ersetzt und auch die elektronischen Elemente liefert, die neben Gesang, Gitarre und Bass die Songs von MetzgerButcher prägen. Wenn das Punk ist, ist es ein außerordentlich tanzbarer. Ich würde es eher als NDW-inspiriert bezeichnen, und dafür, dass ich die Kamera beiseitelege und zu einigen Songs tanze, ernte ich dann doch ein paar erstaunte Blicke. Aber egal, wer sich zu Scheißegal, Irgendwie Tot oder Kultur nicht bewegt, hat wohl Rücken. Der letzte Song passt dann wie A… auf Eimer, er heißt nämlich Raus Hier. Dem Aufruf folgt allerdings niemand, es warten ja noch vier Bands darauf, die Bühne entern zu können.

Einen krassen Stilwechsel gibt es gleich wieder mit The Dirty Lovemachines. Was eine energiegeladene Show der Punkband aus Köln! Die drei machen es genau wie Schängeläng, treten das Gaspedal bis zum Bodenblech durch und überqueren als erste die Ziellinie. Mit Songs wie Drunk In Love, Dine And Dash, Today Is A Good Day oder Smash You Up haben sie den richtigen Treibstoff im Tank, die Kurbelwellen laufen wie geschmiert und der Reifendruck passt. Es fällt mir tatsächlich schwer zu beschreiben, was da für eine energiegeladene Show auf der Bühne abgeht. Aber auch als reinrassiger Metalhead, der ich bin, bin ich schlichtweg begeistert.

Wenn auch mit MetzgerButcher schon eine Band am Start war, die nicht wirklich aus dem Punk-/Punkrock kommen, haben Northern Light heute definitiv so etwas wie einen Exotenstatus. Metalfans sind heute eher nicht am Start, und Metalcore hört hier wahrscheinlich nur eine verschwindend geringe Zahl von Gästen. Trotzdem, oder gerade deswegen, können die vier doch einige Menschen vor die Bühne locken. Jetzt werden auch die Egoriser mit ihren Licht- und Nebeleffekten ausgiebig eingesetzt. Manchmal ist die Bühne so eingenebelt, dass ich nur darauf warte, dass die Rauchmelder auslösen. Aber die bleiben still. Umso lauter wird’s bei den Songs von der EP Into The Dark, wie Self Destruction, Vicious Circle oder Out Of My Mind. Da mittlerweile der Zeitplan schon ziemlich weit überschritten ist, müssen leider auch Northern Light ihre Setliste kürzen. Aber meine Ohren haben wieder mal vertraute Klänge aufgesogen, und bei Metalcore ist halt Headbanging das, was bei anderen Genres das Tanzen ist. 😀

Nach den Düsseldorfern von Northern Light geht’s mit den Kölnern von Stellwerk weiter. Das ist heute die einzige Band, die ein Mädel am Start hat. Eileen ist zusammen mit Benny für die Backingvocals zuständig und bearbeitet die Saiten des Tieftöners. Mit ihrem Punkrock bringen die vier die Menge vor der Bühne noch einmal ordentlich in Bewegung, und viele Textpassagen von Songs wie Destruction oder Ohne Euch werden lauthals mitgesungen. Wo nehmen die alle noch die Energie her? Ich hänge mittlerweile ziemlich in den Seilen. 😀 Aber keine Müdigkeit vorschützen, die Energie, die Sänger Timo an den Tag legt, während er den ihm gewährten Platz auf der Bühne in voller Breite und Tiefe ausnutzt, ist ansteckend. Und Stellwerk können auch überraschen. Mit der ihm eigenen Lässigkeit stimmt Drummer Martin ein paar Jazzklänge an, die den Song Bier Und Punkrock einleiten. Sehr cool!

Gaffa haben den doch ziemlich weiten Weg aus Stuttgart zurückgelegt. Da der Soundcheck doch ziemlich lange dauert, gerät der ohnehin schon hoffnungslos ins Hintertreffen geratene Zeitplan weiter aus dem Takt. Dann geht’s aber los, und die Männer zeigen sich bei Songs wie Wunder, Heute Und Hier oder Pflichten & Rechte, den Sänger Stimpy der am 26.09. stattfindenden Bundestagswahl widmet, außerordentlich taktsicher. Die Rollen auf der Bühne sind ziemlich klar verteilt, Stimpy übernimmt den aktiven Part, während die Saitenfraktion aus Felix, Mefisto und Jan sowie Drummer Jockl sich mit Lässigkeit durch das Set zocken. Da es mittlerweile kurz vor – oder kurz nach? – Mitternacht ist, müssten Gaffa ihre Setlist eigentlich richtig derbe einkürzen. Aber das Geburtstagskind Andy erfüllt sich mit den Stuttgartern wohl seinen ganz persönlichen Wunsch, und so dürfen die fünf noch einige Songs, die sie in Gedanken schon gestrichen hatten, doch wieder auf die Setliste hieven.

Tag 2
Heute stehen insgesamt sechs Bands auf der Bühne, eine mehr als gestern. Dementsprechend ist der Zeitplan von 16:30 bis 23:30 Uhr angesetzt. So lange bin ich noch nicht mal auf der Arbeit! 😀

Neben den Bands ist auch heute wieder E Aldi am Start, der nicht nur jede Band ansagt, sondern auch jede Umbaupause mit seinen musikalischen Werken füllt. Da stehe ich dann manchmal genauso davor, wie ich es vor irgendwelchen Gemälden, Skulpturen oder Installationen aus der Moderne Kunst-Phase tue. 😀

Hätte ich vor Ort schon gewusst, dass Frei Statt Sicher aus der Nähe meiner Heimatstadt kommen, nämlich aus Seesen in Niedersachsen, hätte ich sie gleich mal drauf angesprochen. Aber jetzt weiß ich auch, warum mir die etwas zurückhaltend erscheinende Art von Sänger/Gitarrist Simeon so vertraut erscheint. 😀 Medientechnisch sind sie sehr gut aufgestellt, und auf der Bandcamp-Seite findet sich natürlich auch das Debütalbum Sturmhaube Auf. Mit dem können sie ihre Setliste gut bestücken, denn das Album kommt mit 11 Tracks daher. So beziehen sie also mit Songs wie #wirsindmehr, Naziparteien oder Schein Oder Sein ganz klar Stellung zu Themen, die immer aktuell sind. Ein Song heißt auch genauso, wie die Band selbst, nämlich Frei Statt Sicher. So geht der zweite Tag also genauso geil los, wie der erste geendet hat.

Wenn man in eine der diversen Suchmaschinen “Fixpunkt” eingibt, kommen zwar unzählige Suchergebnisse, die aber mit der Band so gar nichts zu tun haben, sondern sich entweder mit Klettern beschäftigen oder mit mathematischen Berechnungen. Ob das zur Entscheidungsfindung bei der Benennung der Band beigetragen hat, habe ich die vier aber nicht gefragt. 😀 Die Band Fixpunkt kommt, grob gesagt, vom Niederrhein. Da lässt man sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen, und das lassen sich auch die vier heute nicht. Aber natürlich beziehen auch sie nicht nur in politischen Fragen ganz klar Stellung oder erzählen “einfach” nur kleine Geschichten aus dem täglichen Leben. Auf der Setliste finden sich Songs wie Nie Mehr, Hamsterrad oder Selbstversuch, die Titel sind ja fast schon selbsterklärend.

Mit The Anchor Brakes kommt wieder ordentlich Bewegung auf die Bühne. Drei Jahre gibt’s die Düsseldorf Punkrockband schon, aber in dieser Besetzung spielen sie heute das erste Mal zusammen. Habe ich jetzt nicht wirklich bemerkt. Ich bin eher davon beeindruckt, dass Sänger Niko die ganze Zeit über die Strickmütze auf dem Kopf behält, in der Savanne ist es nämlich mächtig warm, und die Luft steht. Er ist auch nicht der erste, der die Ansage macht, dass bitte jeder seine demokratischen Grundrechte wahrnehmen und am Sonntag wählen gehen soll. Sollte eigentlich selbstverständlich sein, ist es aber leider nicht, kann also nicht oft genug betont werden. Musik gibt’s von The Anchor Brakes natürlich auch, und bei Songs wie Mann Mit Hut, Friendship oder Brust Raus entwickelt sich vor der Bühne einiges an Bewegung.

Heute gibt’s zwei Bands, die mit einem Mädel am Start sind. Lazy Riots aus Düsseldorf ist die erste, und auf der Bühne wird’s ziemlich voll. Den Gesang beim Sextett, das sich tatsächlich erst im vergangenen Jahr gegründet hat, teilen sich Opa Haefs und Leo, und mit zwei Gitarren, Bass und Drums ist die Band komplett. Die Veröffentlichung der CD Queens & Kings liegt noch gar nicht so lange zurück, und wie der Titel es schon verrät, gibt’s hier englischsprachigen Punkrock, der mit Songs wie What Would You Do, Start oder King Of The Losers ordentlich abgeht. Das tut auch das Publikum vor der Bühne und erweist sich auch bei den deutschsprachigen Songs wie Kein Zurück oder Alles Geht Einmal Vorbei außerordentlich textsicher.

Da Jonas (Drummer bei Northern Light und Vier Meter Hustensaft) weiß, dass ich Schlagzeugfan bin, hat er mir vor der Show von Kommando Marlies schon mal deren Drummer Sandro vorgestellt und mir den Tipp gegeben, dass ich den besonders im Auge behalten sollte. Und tatsächlich vergesse ich vor lauter Begeisterung fast zu fotografieren. Dass der den Spitznamen “Das Tier” hat, ist absolut nicht despektierlich, sondern bringt es auf den Punkt. 😀 Ob Kommando Marlies wirklich “schöne Musik für traurige Menschen” machen, wie sie es selbst auf ihrer Facebook-Seite schreiben, kann ich eher nicht beurteilen, denn ich war an dem Abend nicht traurig. Aber bei Songs wie Der Diktator Fällt, Selbstmordmädchen Aus Beirut oder Ein Bisschen Liebe ist der Name eines weiteren Songs von Kommando Marlies, Eskalation Ja Klar, wirklich Programm.

Mein Review zum Album Influenza von Vier Meter Hustensaft ist ja schon online, heute ist nun endlich auch der offizielle Releasetag. Wie bei vielen Bands, verzögert sich die Vinyledition, aber die schicke pinkfarbene Cassette kann man sich heute genauso zulegen, wie die CD. Und man sieht Yvonne, Andy, Phil und Jonas schon auf, dass sie – berechtigterweise – stolz darauf sind, was sie mit Influenza rausgehauen haben. Neben den Songs vom Album, wie Die Macht Der Musik, Tristesse, Instafame oder Ode Ans Bier gibt’s mit Misch Dich Ein auch einen Track, der zwar nicht auf dem Album ist, der aber trotzdem ein sehr wichtiges Thema angeht, nämlich die unsägliche Homophobie, die immer noch zu viele Leute an den Tag legen. Der Lichttechniker hat zwar leider einen ziemlich unruhigen Finger und hüllt die Bühne oft in Dunkelheit, aber die Stimme von Yvonne ist umso lauter.

War die Stuttgarter Band Gaffa am ersten Tag die mit der längsten Anreise, ist das wohl heute Case39. Die sind nämlich aus Lübeck angereist. Ob der gleichnamige Psychothriller aus dem Jahr 2010 bei der Namensgebung im Jahr 2016 eine Rolle gespielt hat, weiß ich nicht. Bemerkenswert ist aber das erste Outfit von Sänger/Gitarrist Jörg, der mit einem Polizeihemd und einer passenden Mütze ausgestattet die Bühne betritt. Jetzt gibt’s auf jeden Fall noch einmal ordentlich was vor den Latz geballert, wobei der Punkrock von Case39 mit einem ordentlichen Schuss Rock’n’Roll daherkommt und mich teilweise tatsächlich ein wenig an Motörhead erinnert. Die Setliste von Case39 ist mächtig lang muss aber leider wegen des Zeitverzugs ordentlich eingekürzt werden. Aber bei Songs wie Shutdown In Hell, Anti Rockstar, Fucked Up Forever, Rockabilly Girl oder Darkness darf auch Drummer Matthias mal hinter seiner Schießbude hervorklettern und mit einer schönen Ballade beweisen, dass er nicht nur ordentlich auf die Felle und Becken knüppeln, sondern auch toll singen kann.

Und dann ist der auf acht Stunden angesetzte, mittlerweile auf etwas mehr als achteinhalb Stunden angewachsene Zeitplan tatsächlich “abgearbeitet”. Wenn Arbeit aber immer so viel Spaß machen würde, wie wir alle an diesen beiden Tagen in der Savanne hatten, wäre das Leben um einiges leichter. Mein Dankeschön geht neben Andy, der hier wirklich sehr viel Herzblut reingesteckt hat, an alle, die an diesem tollen Festival beteiligt waren und es zu einem Erlebnis gemacht haben, an das ich noch lange denken werde. Nächstes Mal gern wieder!

Die kompletten Fotostrecken aller Bands gehen noch auf https://heike-leppkes-konzertfotos.de online. Da bitte ich aber noch um ein wenig Geduld. 🙂

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