Interviewer:
Lesedauer ca. 7 min.

Das Interview mit der Band augen

Interview-Fragen

Künstler:

augen

Genre:

Hardcore, Hardcore Punk, Post Hardcore

Links des Künstlers
Bandmitglieder

David
Pierre
Chris
Paul

Nachdem wir im vergangenen November über die neue Single „Tempel“ der Band augen berichtet hatten, haben wir auch ein Interview mit den Jungs geführt.

 

SYLB / Heike: Die erste Frage habt ihr wahrscheinlich schon einige Male gestellt bekommen, aber trotzdem auch an dieser Stelle: Wie kam es zur Bandgründung, und wie kamt ihr auf den Bandnamen? Nachdem ich mir eure beiden EPs angehört und die Texte durchgelesen habe, könnte ich fast denken, es hat was mit den Augen als Spiegel der Seele zu tun.

augen / David: Pierre und ich kennen uns seit mittlerweile weit über 15 Jahren. Wir hatten mehrmals die Idee, zusammen Musik zu machen, nachdem unsere früheren Bands oft die Bühne geteilt haben. Pierre brachte Christoph ins Spiel und Christoph brachte irgendwann Patrick ins Spiel, unseren ersten Bassspieler.

Wir hatten eine lange Liste an möglichen Bandnamen und “augen” hat uns unter anderem deshalb überzeugt, weil er recht offen interpretierbar ist. Und ja, mit dem Inneren hat es sicher auch zu tun. Denn das findet sich auch in vielen Texten wieder.

SYLB / Heike: Wenn man euch nicht von Anfang an begleitet hat, ist es ziemlich schwierig, nicht nur eure Musik zu hören, sondern auch Informationen zu den Personen bzw. zur Band hinter dieser Musik zu finden. Ich denke mal, das ist von euch so gewollt, aber könnt ihr trotzdem kurz was zur Geschichte von augen erzählen?

augen / Pierre: Unsere Persönlichkeiten stellen wir bewusst etwas hinter dem Musikprojekt zurück. Wir wollen Musik und Texte überwiegend für sich sprechen lassen. Wichtig ist uns jedoch, aktiv gegen Menschenfeindlichkeit Stellung zu beziehen. Darum sind wir z.B. Teil des „Kein Bock Auf Nazis” Netzwerks.

Und zur Bandgeschichte: Als wir im Sommer 2016 komplett waren, veröffentlichten wir eine Demo und begannen Konzerte zu spielen. 2017 kam dann die erste EP „M20″ und 2019 der Nachfolger „Winter” mit den Video-Auskopplungen „Eros” und „Oben”. 2020 kam schließlich Paul für Patrick in die Band, mit dem wir 2021 die aktuelle Video-Single „Tempel” rausbrachten.

SYLB / Heike: Eure Texte sind ja nicht unbedingt leicht verständlich, wobei sich das ja als roter Faden von Beginn an durch die Songs zieht. Ich bewundere ja alle Menschen, die es schaffen, ihre Gefühle, Meinungen oder auch alltägliche Beobachtungen in Texte zu gießen, während ich allein schon für unsere News oder auch Reviews stundenlang grübele. Hat euer Texter Philosophie oder Literaturwissenschaften studiert, um sich in dieser Form auszudrücken?

augen / Pierre: Das mit der Grübelei kenne ich allzu gut. Vielleicht muss das manchmal so sein.

Grundsätzlich schreiben sowohl David als auch ich Texte für augen. Diese werden in der Band besprochen, dann manchmal noch gemeinsam überarbeitet oder auch wieder verworfen. Denn uns ist wichtig, dass die Texte ins stilistische Gesamtkonzept passen.

Um das Verständnis zu fördern (das ist bei gutturalem Gesang ja oftmals auch ein akustisches Problem) veröffentlichen wir die Texte seit jeher direkt mit den Songs, sei es bei YouTube, Bandcamp oder den Tonträgern. Zu einzelnen Songs haben wir in den letzten Monaten auch Liner-Notes über unsere Social-Media-Kanäle gepostet.

SYLB / Heike: Neben den Texten sind mir natürlich auch die Melodien mit ihren ständigen Tempowechseln und teilweise regelrechten Brüchen aufgefallen. Was ist denn beim Songwriting zuerst da? Text oder Musik? So nebenbei beim Jammen im Proberaum werden Songs doch eher nicht entstehen, oder?

augen / Chris:  Bei uns steht erst die Musik, dann kommt der Text. Dieser Prozess hat sich für uns als produktiv erwiesen. Die Songs entstehen organisch aus den Riff- und Beatideen, die wir mit zur Probe bringen. Was funktioniert und was nicht stellt sich dann schnell beim Spielen raus. Insofern spielt Jammen beim Songwriting weniger die Rolle bei uns, als die konkrete Umsetzung. Was rauskommen soll ist harte Musik, die aber auch die Emotionalität hinter den Texten nicht vergisst. Brüche und Tempowechsel (nicht zu vergessen: Taktwechsel) funktionieren da für uns offensichtlich gut – und Breakdowns sind einfach geil. Im Vordergrund steht aber immer der Song insgesamt.

SYLB / Heike: Apropos Melodien bzw. Musik: die verlangt ja von den Instrumentalisten auch so einiges ab. Da habe ich speziell von Gitarristen schon oft gehört “für die Basics erstmal Unterricht, dann mit YouTube-Videos weiter machen”. Wie sieht’s denn da bei euch aus?

augen / Paul: Unterricht kann definitiv hilfreich sein, wenn man anspruchsvollere Musik spielen möchte, ist (abgesehen von den Grundlagen) meiner Meinung nach aber nicht zwingend notwendig. Ich finde es bringt schon viel, anderen Musiker:innen aufmerksam zuzuhören und eben selbst mit ihnen zusammen zu zocken. Einfach so viele verschiedene Eindrücke und Ideen sammeln wie möglich … und natürlich selber regelmäßig das Instrument in der Hand haben. Um in Übung zu bleiben sind Konzerte eigentlich immer gut geeignet, hoffen wir, dass das bald wieder in Gang kommt.

SYLB / Heike: Auch mit den Coverartworks eurer Veröffentlichungen kann man sich länger beschäftigen. Während das “a” auf eurer ersten Demo ja noch relativ selbsterklärend ist, kann man sich mit denen für M20 oder auch “Tempel” schon länger beschäftigen. Gestaltet ihr die Artworks selbst, oder holt ihr euch da Hilfe von außen?

augen / Chris: Ganz in DIY-Manier versuchen wir eigentlich alles selbst zu machen. Das „a“ und auch die Coverartworks für „M20“ und „Winter“ hab’ ich gemacht. Das Video zu „Tempel“, aus dem auch das Artwork genommen wurde, kommt aber von meinem Kumpel Jonas.

Wer sich mit dem (Cover-)Artwork beschäftigt, entdeckt vielleicht irgendwas, was irgendwie cool aussieht, was aber auch zur Musik und den Themen der Texte passt. Darum geht es – nicht mehr und nicht weniger.

SYLB / Heike: Die Band gibt es jetzt seit fünf Jahren. Wenn ihr zurück in die Vergangenheit reisen könntet, gäbe es irgendwas, was ihr vielleicht doch anders machen würdet? Oder sagt ihr “alles richtig gemacht”?

augen / David: Im Rahmen unserer Möglichkeiten haben wir schon recht viel gemacht – 2 EPs, eine Single, 3 Videos, ausverkaufte T-Shirts und eben die Shows. Mehr ginge theoretisch natürlich immer, aber inhaltlich und musikalisch stehen wir voll hinter dem, was in der Öffentlichkeit zu hören/sehen ist.

SYLB / Heike: Seit geraumer Zeit sind Liveshows ja leider eher rar gesät, ihr habt Ende Oktober eure letzte Show gespielt. Gibt es denn eine Show, an die ihr euch besonders gern erinnert? Oder vielleicht auch eine, bei der irgendwas schief gegangen ist?

augen / Paul: Da ich erst seit August 2020 mit dabei bin, war das im Oktober meine erste Gelegenheit, mit augen auf der Bühne zu stehen. Ich freue mich darauf das schnellstmöglich zu wiederholen. Eine Show an die ich mich besonders gern erinnere fand 2018 auf einem Bauwagenplatz statt. Da wurde der d.i.y.-Aspekt nochmal auf eine ganz eigene Art und Weise hervorgehoben, ich finde sowas sehr beeindruckend.

SYLB / Heike: Im Raum Köln/Bonn gibt es ja sehr viele coole locations, die für Undergroundshows wie gemacht sind. Aber wie sieht’s denn eurer Meinung nach in der Szene selbst aus? In meinen Gesprächen mit Bands aus allen möglichen Genres höre ich mal was von “Ellenbogen” und “Egoismus”, mal was von “super Zusammenhalt” und “gegenseitige Unterstützung”.  Ihr seid, wenn ich mir eure Posts auf Facebook so anschaue, eher bei denen, die andere Bands immer gern unterstützen.

augen / Pierre: In der Punk-/Hardcore-Szene erleben wir hauptsächlich gegenseitige Unterstützung, und das finde ich sehr wichtig. Wir wären doch auch nicht aus dem Proberaum rausgekommen, wenn wir nicht ziemlich schnell zu Konzerten eingeladen worden wären. Im zweiten Jahr haben wir selbst ebenfalls damit angefangen, ab und zu Shows zu veranstalten und Bands einzuladen. Besonders neue bzw. junge Bands brauchen solche Auftrittsmöglichkeiten.

Natürlich sehe ich mir auch gerne Leute mit Erfahrung auf der Bühne an, aber wenn nur Altherren-Bands gebucht werden, stirbt die Szene über kurz oder lang aus. Zum Glück gibt es in Bonn Orte wie das Kult41, das Namenlos und das BLA, in Köln das AZ und den Sonic Ballroom, wo engagierte Menschen regelmäßig „große“ wie „kleine“ Bands buchen.

SYLB / Heike: Im Juli habt ihr auf Facebook was von “anstehende Aufnahmen” geschrieben. Galt das für die Single “Tempel”, oder ist da noch mehr in Planung?

augen / Paul: Wir haben zu “Tempel” im Level Audio Studio Ton- und Videoaufnahmen gemacht, darauf bezog sich der Post. Aber wenn wir nicht gerade Setlist-Proben für ein anstehendes Konzert machen, dann sind wir eigentlich konstant dabei, neue Ideen auszuarbeiten und da wird auch noch mehr kommen. Für Zeitangaben ist es allerdings noch zu früh.

SYLB / Heike: So langsam gehen mir tatsächlich die Fragen aus, darum drehe ich den Spieß mal um: Habt ihr denn Fragen an das Team von SYLB? Oder möchtet ihr uns einfach nur was sagen?

augen / Pierre: Zunächst einmal möchten wir euch „Danke” sagen, für das was ihr mit SYLB leistet. Dass ihr Bands vollkommen unabhängig vom Geldbeutel unterstützt ist eine super Sache und wir haben selbst nun schon ein paarmal davon profitieren können.

augen / Pierre: Mich interessiert, wie du als Frau den Band Underground aktuell wahrnimmst: In der Punk-Szene gibt es ja z.B. eine Sexismus Debatte, weil auf den Bühnen, in den Labels, Fanzines, Venues etc. Männer immer noch unverhältnismäßig mehr Einfluss haben und dominieren. Wie nimmst du das wahr und was denkst du, muss passieren damit sich das ändert?

SYLB / Heike: Puh, da bist du bei mir nicht wirklich an der richtigen Adresse. Ich habe schon als Kind lieber mit Jungs als mit Mädchen gespielt, war eher bei Fußball, Lego und Matchbox-Autos als bei Puppen. 😀 In unserem achtköpfigen SYLB-Team bin ich aktuell die einzige Frau, fühle mich aber definitiv nicht von den Männern dominiert, denn jedes Teammitglied hat seinen Aufgabenbereich, der dazu beiträgt, dass SYLB das ist, was es ist und noch werden soll. Und ich kenne auch andere Online-Magazine, in denen das so ist. In der Punk-Szene bin ich selten unterwegs, darum habe ich da keinen tieferen Einblick. Wenn ich mit meiner Kamera bei Shows bin, habe ich allerdings manchmal das Gefühl, dass man sich eher an meinem Alter “stört” als daran, dass ich eine Frau bin. Und das, seit ich im Jahr 2014 angefangen habe, Undergroundshows zu besuchen. Jedenfalls ernte ich mit meiner Kamera eher mal verwunderte Blicke (sowohl aus dem Publikum als auch von den Bands selbst) als die männlichen Kollegen aus meiner Altersgruppe oder halt jüngere Fotografinnen. Das ist aber stark genreabhängig, und in manchen Genres dominiert wohl eher der “Jugendwahn” als eine sexistische Haltung. Vielleicht liegt es auch an meinen persönlichen Erfahrungen, dass ich denke, auch eine Frau kann alles erreichen, was sie will, wenn sie sich dahinterklemmt und mit Leistung überzeugt. Und wenn es Bereiche gibt, in denen mehr Männer als Frauen anzutreffen sind, liegt es vielleicht auch daran, dass Frauen eben in diese Bereiche gar nicht reinwollen. Dafür gibt es halt andere Bereiche, in denen die Frauen dominieren und in die Männer eher nicht wollen. Das mag jetzt naiv klingen, aber das ist, auch aus sehr vielen Gesprächen, mein persönlicher Eindruck. Da ist die Undergroundszene wahrscheinlich nicht anders aufgestellt, als es jeder andere Bereich des Lebens ist.

SYLB / Heike: Gibt es denn eine Frage, mit der ihr eigentlich gerechnet hattet, die ich euch aber nicht gestellt habe? Dann dürft ihr die hier gern noch stellen und auch gleich selbst beantworten.

augen / Chris: Wofür steht eigentlich M20?

Alles, was wir bis zum Releasetermin dieser EP gemacht haben, ist in unserem Proberaum, dem M20, entstanden. Daher haben wir uns entschieden, die EP diesem Ort zu widmen. 

Die Songs sind hier nicht nur geschrieben, sondern auch aufgenommen worden. Wer die CD hat, entdeckt vielleicht auch auf dem Cover Hinweise zum Raum.

SYLB / Heike: Und gibt es noch etwas, das ihr der Welt, euren Fans und allen, die noch Fans werden sollen, zu sagen habt? Dann raus damit, die letzten Worte gehören euch.

augen / David: Wir haben eine Show am 08. Januar 2022 im Helvete Club in Oberhausen anstehen. Das ist denke ich erwähnenswert.

Ich persönlich bin unglaublich dankbar, dass es Menschen gibt, die Konzerte planen, organisieren und durchführen. Und trotz widriger Umstände (Finanzierung, Pandemie usw.) viel Herzblut reinstecken. Da fühle ich mich immer unglaublich wohl.

Und gleichzeitig ist das eine total verkackte, heuchlerische und dem Untergang geweihte Welt, in der wir leben. Viele Bands thematisieren das in der ein oder anderen Form in ihren Texten sowie bei ihren Auftritten, und auch für uns wird die Quelle der Inspiration sicher nicht versiegen. Ein Konzert zu spielen ist für mich stets ein Moment des Glücks und der Dankbarkeit, in der die deprimierende Lage und der Weltschmerz für kurze Zeit in den Hintergrund treten und trotzdem herausgeschrieben werden können. Ich freue mich sehr, wenn wir uns auf einer unserer Shows sehen! Wie die größte zeitgenössische Hardcore Band Die Höhner es schon sagten: Peace, Friede, Shalom, Salam.

SYLB / Heike: Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit für dieses Interview genommen habt. Ich bin sehr gespannt, was es in Zukunft von euch noch zu hören gibt.



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